BGWasserfarbe4
043 o.T

Beate Steigner-Kukatzki

Chronologische Erinnerungssplitter zu Fresenius‘ farbigen Arbeiten

Farbe spielt in Fresenius‘ Oeuvre keine dominierende Rolle. Immer mal wieder ist sie präsent und setzt einen kräftigen Gegenpol zu den schwarzen Tuschen. Und wenn Farbe - dann richtig!- scheint die Devise von ihm zu sein.

1982

In frühen Arbeiten - im Tagebuchzyklus aus dem Jahr 1982 - begegnet uns Farbe in ganz unterschiedlichen Experimenten. Mal sind Zeichnungen aquarelliert, wie in einem Blatt mit ockerfarbiger Maske neben einem rosa Schwein. Mal zeichnet er mit dem farbigen Pinsel. So bei einem blaugrauen Mammut und in einem zweigeteilten Blatt mit Figuren: Auf der linken Seite eine skulpturale Venus vor schwarzem Grund, und rechts ein geflügeltes Wesen, welches die Beine - die schon skelettiert wirken - in den schwarzen Bereich der Venus streckt. Verbindendes Element ist eine Form zwischen den Figuren, die an eine Palette erinnert. So klein das Blatt ist (DIN A5), es besitzt eine malerische Qualität, die auch in großem Format Gültigkeit hätte. Für die kleinen erzählerischen Skizzenblätter bekam Klaus Fresenius im Jahr 1983 den Förderpreis der Kahnweiler-Gedenkstiftung Rockenhausen zugesprochen. Auf weggeworfenen, gelochten und inzwischen noch mehr vergilbten Stundenzetteln einer Firma, bei der er früher einmal arbeitete, bemalte er die Rückseite. So unterschiedlich die einzelnen Blätter auch sind - von Kinderzeichnungen Ähnlichen, zu ornamentalen, von Flora und Fauna inspirierten Formspielereien, auf Weniges Zeichenhaftes reduzierte, bis hin zu karikaturhaften Szenen und malerisch Schwungvollen - nie sind sie eindeutig oder schnell zu entziffern. Eines ist aber fast allen gemein: Die menschliche Figur steht im Focus. Oft zur symbolhaften Maske reduziert, mal in hingeworfenem Bewegungsrhythmus, meist in rätselhaftem geheimnisvollen Zusammenhang.

1987

Sehr bewegt und sehr schwungvoll sind die korpulenten Grazien in der dreiteiligen Arbeit „After Midnight“, aus dem Jahr 1987. Breite, wild expressive Pinselstriche füllen die Blätter. Selbst die weiße Fläche, die Fresenius gerne als Hintergrund stehen lässt, ist gefüllt, zugemalt, teilweise auch mit gebrochenem Weiß. Man kann sich bildhaft vorstellen wie Fresenius gearbeitet hat. In welcher Geschwindigkeit er die großen Flächen mit Farben fließend füllte, und wie er den Pinselstrich nervös tänzelnd zog.

1989

In der Polen-Serie, die 1989 beim Künstlersymposium in Bydgoszcz entstand, sehen wir noch die breiten weichen Pinselstriche. Aber der Hintergrund bleibt frei und die Farben sind einer Tusche-Kaffee-Monochromie gewichen.

1992

Reduziert von barocker Form und weicher Bewegung auf statische zeichnerische Linien sind rot-schwarze Figuren von 1992 in Tinte und Tusche. Sie gleichen eher Momentaufnahmen. Die Bewegungen sind zu kalligrafischen Zeichen gefroren. Hier fließen zwei Sparten zusammen. Elemente der kalligrafischen Tuschen und die der figurativen Malerei.

1996

Geballte Energie findet sich wieder bei muskulösen und plastischen Figuren von 1996. Die roten und blauen Paare tanzen und bewegen sich wild. Der Tanz wird hier auch zur Demonstration von Werben und Verführen, reisst den Menschen mit in Bereiche der Ekstase des Rausches und der Entgrenzung. Die beiden Farbpole, die in der Elektrizitätslehre eine wichtige Rolle spielen, verdeutlichen auch die Spannung und den Kräftefluss zwischen den Tänzern. Tanz wird hier zu einer Art Kampf.

1999

Ähnlich sind die Acrylbilder, die 1999 im Winteratelier am Rhein entstanden sind. In der Arbeit „Blaue Läuferin“ setzt er tiefes Rot gegen intensives Blau vor warmgelbem Hintergrund. Emotionale Momente verstärkte er, indem er kräftige Grundfarben wählte. Als arbeitete er der kalten Jahreszeit entgegen, ließ er die Energie in die dick aufgetragene Farbe fließen. Für einige Wochen, solange das Restaurant geschlossen blieb, stellte der damalige Wirt des „Neuen Hammer“ einen großen Raum zur Verfügung. Fresenius konnte sich so richtig ausbreiten und mit ganzem Körpereinsatz das großformatige Papier, welches am Boden lag, bearbeiten. Fein pigmentierte Acrylfarbe kam nicht aus der Tube, mit dickem Pinsel nahm Fresenius sie direkt aus Eimern. Um den Überblick zu wahren, stieg er immer wieder auf eine Leiter, um die Wirkung der bis über sechs Meter breiten Werke zu überprüfen.

Ob kleine vergilbte Notizzettel, große Papierbahnen, oder feines Bütten...Fresenius l i e b t  Papier und reagiert auf die verschiedenen Formate, Oberflächen, Farbigkeiten und Beschaffenheiten. Schweres Büttenpapier, sollte es allerdings nicht sein. Das schrecke ihn ab! Es würde ihn in seiner Spontanität hemmen, mit der er dem Papier den ersten „Stempel aufdrückt“ und auf den er im weiteren Prozess immer aufs Neue reagiert.

2011

Lange Zeit arbeitete Fresenius mit schwarzer Tusche, bevor die Farbe mal wieder zurückkehrte. Eine große Zahl von Aquarellen entstand. Er arbeitet „Nass auf Trocken“. Begeistert beschreibt er seinen Arbeitsprozess, der immer in der Nacht geschieht und er dabei wie ein Berserker ohne Pause produziert. Ein Blatt nach dem anderen entsteht, die Farbe fließt, sie trocknet, wird weiterbearbeitet und verdichtet sich intensiv an Stellen mit mehr Auftrag. Weiße Stellen bleiben zwischen den Figuren stehen und das so entstandene Fleckmuster drängt sich zuweilen vor die Figurengruppe und steht als weitere „farblose“ Fläche in räumlichem Zusammenhang. Fresenius Figuren nehmen immer Raum ein. Aber Raum, der allenfalls angedeutet ist. Es entsteht vielmehr eine raumgreifende Wirkung durch die Bewegung der Menschen, die ausschreitend aus der Gruppe über den Bildrand verwiesen, sich drehen oder noch abwartend stehen. In Gruppen von zwei bis fünf Personen, die parallel nebeneinander stehen, passiert unglaublich viel Zwischenmenschliches. Emotionen packt Fresenius einzig in die Körperhaltung. Details werden nicht ausformuliert. Ein Kopf kann aus einem flüchtig hingeworfenen Kringel bestehen. Auch der flüchtige schnelle Farbauftrag, der auch Spuren und Flecken der Pinselführung vom Farbkasten zum Blatt hinterlässt, verstärkt den Eindruck ständiger und schneller Bewegung.

Klaus Fresenius bringt in diesen Arbeiten beides - Malerei und Zeichnung- zusammen: Er zeichnet mit Farbe und dem Pinsel. Grafische Elemente, wild tachistisch in Beziehung gesetzt, bilden eine eigene Sprache. Locker und sicher setzt er sie aufs Blatt. Und nur im Zusammenhang können sie gelesen werden. Isoliert gesehen wäre beispielsweise ein breiter Balken nicht als Hand, Arm und Schulter entzifferbar.

Fresenius stellt sich mit der Figurenserie Fragen des Menschseins. Er thematisiert alltägliche, allgemeine Befindlichkeiten und konfrontiert sich und gleichermaßen den Betrachter mit den intensiv emotionalen Situationen. Eine spannende Wechselwirkung entsteht, die weit über den Bildrand hinaus reicht.

Couple
Zeichner
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klaus fresenius
Couple Zeichner klaus fresenius