Alfred Huber:

Die wiedergefundene Geschichte des Menschen

Nichts wird hier mit großer Gebärde angepriesen, keine willentliche Steigerung oder Ergänzung verletzt die sensiblen Randzonen. Einfach und organisch gewachsen erscheinen die meist kleinformatigen Holzskulpturen von Klaus Fresenius, eingelassen zwar in den Raum, der sie umgibt, doch ohne Aufwand, ohne Verlust dessen, was sich an der Oberfläche seiner geschnitzten Figuren ereignet.

Parallelen zur afrikanischen Kunst bieten sich an, deren archaische Ausdrucksstärke dem Material abgewonnen wurde, als hätte es die Hand des Künstlers, sein schnitzendes Messer geleitet, vorbei an knorrigen Unebenheiten und splittrigen Auswüchsen zu immer neuen Formen und Gestalten, manchmal erfüllt von einem geradezu animalischen Leben. Wer genau hinsieht, entdeckt, wie behutsam Klaus Fresenius die Körper erforscht, ihr Verhältnis zu den Köpfen auslotet, wie er jede Linie und Furche mit unterschiedlicher Kraft und Betonung eingräbt, um einen Rhythmus zu finden, der auch dann noch trägt, wenn die Leiber und Gesichter uns Betrachtern eher fremd als vertraut anmuten.

Kein Stück ersetzt das andere. Mal stilisiert, silhouettenhaft schlank, dann wieder kräftig untersetzt, beinahe prall der körperlichen Plastizität verpflichtet, erzählt jede Arbeit auf die ihr eigene Weise vom Versuch, das Dauernde, schöpferisch Vitale einzugrenzen, es dem Vergänglichen abzuringen. Doch gewaltsam geschieht das nie. Entsprechend täuscht auch die Expressivität einiger Figuren. Ihre mitunter groß verdichteten Proportionen, der Verzicht auf mildernde Zwischentöne erinnert vielleicht partiell an Plastiken der „Brücke“ - Künstler Ernst Ludwig Kirchner oder Erich Heckel, ohne allerdings deren Anspruch, tiefgründig aufzureißen, was sich der eigenen, persönlichen Dynamik widersetzt.

Klaus Fresenius ist da viel lyrischer, seine Formen sind geschlossener, die Binnenbereiche seiner Skulpturen häufig ornamenthaft verspielter. Er bohrt sich nicht, hochgradig erregt, mit Messer, Hohleisen oder Stichel in und durch das Material, um unerbittlich zerstörerische Prozesse aufzuzeigen. Stattdessen modelliert er moderne Idole, handliche Fruchtbarkeitssymbole mit schwellenden Brüsten und üppigem Hintern oder merkwürdig versponnene Wesen, halb Geist, halb Mensch, dem Leben nahe, doch zugleich in erfühlbarer Distanz zu ihm.

Anders als seine Tuschezeichnungen, die den raschen Entwurf verlangen, abhängig von der Gunst des Augenblicks, arbeitet der „Bildhauer“ Fresenius langsam, bedächtig, beschreitet er den schmalen Grat zwischen motivierender Selbstgewissheit und geschichtsträchtigem Realitätsbezug eher scheu als impulsiv, der sinnlich-sichtbaren Welt ebenso zugetan wie der abstrakten Idee.

Klaus Fresenius glättet nicht, seine Kunst ist keine ästhetische Verklärung der Symbolik längst vergangener Menschheitsepochen. Und doch knüpft sein Schaffen bisweilen dort an, führt ihn sein Vorstellungsvermögen zu Urbildern und Urformen, zu jenen Archetypen menschlicher Grunderfahrung, die nach C.G.Jung das Leben des Einzelnen zum Grenzenlosen hin erweitern. Was Fresenius so mit seinen Händen dem Material anvertraut, berichtet vom allgegenwärtigen Zusammenhang zeitlich entfernter Dinge und Empfindungen, von einer wiedergefundene Identität als Folge bewusst gewordener Vergangenheit. Zugleich gelingen Fresenius überraschende Brechungen, werden die Figuren zu Schnittpunkten polarer Gegensätze, die sich anziehen und abstoßen, als gebe es da eine unsichtbare ordnende Mitte, eine ewige Wahrheit zu verkünden.

Die Kunst des Klaus Fresenius gewährt keine Sicherheiten. Im Gegenteil. Sie ist voller Abschiede, unterwegs zu immer neuen Synthesen, beschwört Reales und Traumhaftes, redet bisweilen mit einer geradezu bestürzenden Offenheit von Ängsten und Sehnsüchten, verschmilzt Überliefertes und momentan Erlebtes zu einer unverwechselbar künstlerischen Handschrift, die gleichermaßen kühn wie unbestechlich einer Wirklichkeit widerspricht, die hinter machtvollen Versöhnungsgesten die Brüchigkeit ihrer Existenz zu verbergen sucht.

 

Alfred Huber

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