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BEWEGTE RUHE
 
Zum druckgrafischen Werk von Klaus Fresenius
Oliver Bentz

Dynamik und Bewegung sind Signa vieler der künstlerischen Werke von Klaus Fresenius. So wie man den Maler und Grafiker auf seinem Fahrrad scheinbar rastlos auf den Speyerer Straßen antrifft, so sind auch seine figurativen Bilder oft gekennzeichnet von Tempo, Grazilität und Dynamik der Bewegung. Auf der anderen Seite gibt es auch Arbeiten des Künstlers, die einer tiefen Versenkung und einem Ankern der Gedanken bei einem Thema oder einem Gegenstand entspringen – Arbeiten höchster Konzentration und Ruhe. Hier wären die Chinesischen Tuschen zu nennen, denen sich Fresenius seit einigen Jahren widmet, und seine Druckgrafik, besonders die Radierungen.

Dem damals sehr beliebten Stil der einflussreichen Künstler des Wiener Phantastischen Realismus um Ernst Fuchs, Arik Brauer, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden sind die ersten Radierversuche von Klaus Fresenius aus den frühen siebziger Jahren verpflichtet. Viele junge angehende Künstler bewunderten in dieser Zeit, in der auch Fresenius’ künstlerisches Schaffen begann, die handwerklichen Fähigkeiten dieser Wiener, die sich bei ihrem graphischen Arbeiten an der Könnerschaft der Alten Meister orientierten und in ihrer Themenwahl aus dem Surrealismus eines Max Ernst oder auch eines Salvador Dali schöpften.

Das Unheimliche, Abgründige brachten sie mit der Radiernadel vor das Auge des Betrachters, ebenso wie der Poet Hans Carl Artmann es in seinen „schwarzen Gedichten“ tat – jener H. C. Artmann, den Fresenius damals mit seinen jungen Künstlerfreunden einige Male traf und dessen Poesie er bis heute von Zeit zu Zeit in seiner unnachahmlichen Art rezitiert.

Sehr dichte, exakt in Linie und Fläche ausgearbeitete, stark symbolisch aufgeladene Bilder mit Totenschädeln, wie„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (1976) oder fantastischen Wesen, etwa der „Äquatorial-Vampir“(1976) oder „Das Krötenwunder vom St. Gotthard“ (1976) hat der „frühe“ Fresenius dann auch folgerichtig auf die Radierplatte gebracht.

Es ist nicht das Technische, was Klaus Fresenius an der über die Jahrzehnte immer weiter erforschten Radiertechnik reizt oder fasziniert. Bei der Ätzradierung bis zum Exzess zu experimentieren ist seine Sache nicht. Er bevorzugt die Kaltnadelradierung, die er als eine andere Art der Zeichnung begreift. Ohne Vorzeichnung reißt er dabei mit der Stahlnadel ein von klare Linien begrenztes Motiv in die Radierplatte. Dabei vereinen sich intensive Wahrnehmung und zupackende Gestaltungskraft mit dem Wissen von der Zeichenkunst. Die Konzentration auf das Wesentliche und die impressionistische Frische des Eindrucks verwachsen dabei oft mit kristallinen Strukturen von expressivem, starkem Ausdruck.

Die scheinbar leichte Linie der Radierungen des Künstlers kommt besonders bei den anmutigen Frauengestalten zum Ausdruck (Sitzende, Tänzerinnen), bei denen oft auch sein Fasziniertsein von der afrikanischen Stammeskunst durchscheint, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts, von Paris her kommend, besonders auch die deutschen Expressionisten inspirierte, deren Werk Klaus Fresenius ausgiebig rezipiert hat.

Die Begegnung mit alten Meistern der Radierung wie Rembrandt, aber auch von ihm geschätzte moderne Vertreter dieser grafischen Technik wie der Maler-Dichter Martin Disler forderten Fresenius im Laufe der Jahre zu Paraphrasen, zu Umarbeitungen und Umsetzungen von ihm geschätzter graphischer Blätter dieser Kollegen in den Kontext seiner Stil- und Erfahrungsbereiche heraus. So schuf er 1996 einen Rembrandt-Zyklus, in dem er etwa Rembrandts Darstellungen der „Kuchenbäckerin“ (1635) oder „Die Rückkehr des verlorenen Sohnes“ (1636) in seinen Bildkosmos übertrug.

Nach dem Tod Martin Dislers 1996 erarbeitete Fresenius als Hommage an den Schweizer Kollegen seinen Disler-Zyklus, in dem er die „emotionale Malerei“ Dislers, der zu den „Neuen Wilden“ der Kunst der frühen achtziger Jahre gezählt wird, aufnahm. Wie bei Disler steht in der Kunst von Klaus Fresenius der Mensch im Mittelpunkt – und die Themen seiner Grafik, in der abstrakte Formen und Figürliches ineinanderfließen, sind wie beim Schweizer Geistesverwandten die Liebe, der Tod, die Angst, die Verzweiflung und der körperliche und seelische Zusammenhalt. Auch längere Aufenthalte in fremden Ländern und Reisen boten dem Künstler immer wieder den äußeren Anlass, sich in Radierfolgen mit Menschen und Landschaften und deren Geschichte und Geschichten zu beschäftigen. So schuf er in den 1990er Jahren einen Rom-Zyklus, brachte seine Eindrücke vom Aufenthalt in Speyers Partnerstadt Chartres mit der Radiernadel auf die Kupferplatte und stellte in Kooperation mit dem Schriftsteller Arno Reinfrank, mit dem Fresenius bis zum Tod des Autors 2001 eine lange Freundschaft und enge künstlerische Zusammenarbeit verband, eine Folge von Radierungen zum buntscheckigen Leben des Amsterdamer Rotlicht-Milieus zusammen.

Wenn auch in geringerem Umfang als auf jenem der Radiertechnik, betätigt sich Klaus Fresenius in seinem druckgrafischen Werk auch auf dem Gebiet des Holzschnitts und der Offsetlithografie. In seinen Holzschnitten, etwa in dem 1989 entstandenen „Schädel aus dem britischen Museum“ oder der im gleichen Jahr aufgelegten Serie „Von Fischen und Flüssen“ dominiert dabei wie in der Radierung die konturierende Linie, in den Offsetlithografien läßt er, dem zur Schaffung ausdrucksstarker Motive in der Radierung das schwarz/weiß genügt, auch Farbe in seine Bilder einziehen. So setzte er dem „Café Durchbruch“, in dem seit Beginn der achtziger Jahre Generationen von Speyerer Jugendlichen und Junggebliebenen ihre Abende und Nächte verbringen, in dieser Drucktechnik – bei der anstelle der bezeichneten Steinplatten der klassischen Lithografie vom Künstler eine transparente Folie mit Fettkreide oder schwarzer Tusche bemalt und durch ein chemisches Verfahren auf eine dünne, als Druckform dienende Aluminiumplatte übertragen wird – ein künstlerisches Denkmal.

Ein besonders schönes Beispiel der farbenfrohen Offsetarbeiten, die der Künstler schuf, ist auch die für die Diakoniestiftung 2004 entstandene Folge „Lebensfreude“, in der er in vier verschiedenen Motiven Lebensfreude und Engagement für ein gemeinsames, solidarisches Miteinander in einer Art und Weise thematisiert, wie sie auch Klaus Fresenius selbst zu eigen sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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